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Lukas Niederberger | Gelassenheit

Stress, Leistungsdruck und ständige Veränderungen – für viele Menschen gehört das zur Normalität. Doch warum bleiben manche trotz aller Herausforderungen des Lebens gelassen, während andere an Kleinigkeiten verzweifeln? In seinem Leitartikel beleuchtet Lukas Niederberger, wie sich das Verständnis der Gelassenheit von der Antike bis in die Neuzeit verändert hat, und zeigt praxisnahe Wege, wie wir im Alltag Ruhe bewahren können, ohne dabei gleichgültig zu werden. Denn wahre Gelassenheit bedeutet nicht, alles einfach hinzunehmen, sondern klug zu entscheiden, wann es Zeit ist, etwas einfach sein zu lassen – und wann nicht.

Text: Lukas Niederberger | Foto: Uwe Umstätter

Vor einigen Jahren nahm die Leiterin eines Sterbehospizes an einem meiner Seminare zur Standortbestimmung teil. Als ich über die Notwendigkeit sprach, Vergangenes sein oder ruhen zu lassen, meinte sie: „Ich bin froh, dass du nicht von Loslassen gesprochen hast. In meinem Beruf wird von Sterbenden und deren Angehörigen permanent gefordert, dass sie loslassen sollen. Es geht doch nicht um Loslassen, sondern um Nichtfesthalten und Nichtanhaften. Loslassen würde doch bedeuten, aus der Beziehung zu treten. Und das kann es doch nicht sein.“

Der Ausdruck Gelassenheit ist wie die Begriffe Bildung, Anschauung, Einigung, Innigkeit, Seelengrund und Wesenheit keine direkte Übersetzung aus der griechischen oder lateinischen Sprache, sondern eine Wortschöpfung des Mystikers Meister Eckhart (1260–1328). Der Dominikanermönch schrieb in Köln im Jahr 1325 in einer Predigt: „Wer sich gänzlich einen Augenblick ließe, dem würde alles gegeben. Wäre dagegen ein Mensch zwanzig Jahre gelassen und nähme sich selbst auch nur einen Augenblick zurück, so wäre er noch nie gelassen. Der Mensch, der gelassen hat und gelassen ist und der niemals mehr nur einen Augenblick auf das sieht, was er gelassen hat, und beständig bleibt, unbewegt in sich selbst und unwandelbar – dieser Mensch ist gelassen.“ Es existiert zweifellos eine sprachliche und zugleich inhaltliche Nähe zwischen gelassen sein und gelassen haben. Die Hospizleiterin würde vermutlich präzisieren: Um gelassen zu sein, müssen wir Menschen, Dinge und bestimmte Situationen nicht loslassen, sondern sie sein lassen, frei lassen und sie ihren eigenen Weg gehen lassen.

Von Seelenruhe bis Heiterkeit

In der griechischen Antike wurden für das Phänomen Gelassenheit unterschiedliche Begriffe verwendet. Das Wort galéne vergleicht den menschlichen Geist mit einer stillen Meeresoberfläche. Sophrosyne bedeutet Besonnenheit in der Not. Ataraxía bezeichnet Seelenruhe durch Maßhalten. Adiaphora meint Gleichmut in allen Lebenslagen. Und apátheia bedeutet Leidenschaftslosigkeit und emotionale Unerschütterlichkeit.

In der römischen Antike drückten ebenfalls mehrere Begriffe unterschiedliche Facetten der Gelassenheit aus: Serenitas bedeutet Helligkeit, Klarheit und Heiterkeit, aequo animo Gleichgewicht der Seele.

Wie komplex das Phänomen Gelassenheit ist, merkt man spätestens dann, wenn man jemandem das Wort in einer Fremdsprache zu erklären versucht. Auf Französisch wird Gelassenheit mit tranquilité, placidité, sérénité, abandon, calme, désinvolture, lâcherprise und sang-froid umschrieben, in der englischen Sprache mit calmness, composure, detachment und coolness. Und doch drückt keines dieser Wörter genau und gänzlich das aus, was auf Deutsch mit Gelassenheit gemeint ist. Mich überzeugt am meisten der lateinische Ausdruck serenitas. Ich erlebe Menschen dann als wahrhaft gelassen, wenn sie das Paradox der heiteren Ernsthaftigkeit beziehungsweise der ernsten Heiterkeit leben. Diese Haltung wäre beispielsweise in den Disputen im Deutschen Bundestag eine echte Notwendigkeit.

Normalzustand Ungelassenheit

Der Homo sapiens bewegt sich sowohl auf der individuellen als auch auf der kollektiven Ebene seit Jahrzehnten in einem Hamsterrad. Vielleicht tun wir mit diesem Bild den Hamstern unrecht, weil sie sich darin durchaus wohlzufühlen scheinen. Wir Menschen empfinden das Hetzen im Hamsterrad als Stress, auch wenn wir nicht sonderlich viel unternehmen, um das Rad zu verlangsamen oder aus ihm auszusteigen. Und weil wir nicht nur am Tempo der leeren Betriebsamkeit leiden, sondern immer mal wieder von Schicksalsschlägen getroffen werden, zahllosen Veränderungsprozessen ausgesetzt sind, gierig nach Gewinn, Ehre und Lob streben, hohe und fixe Erwartungen an uns und andere haben sowie Kränkungen und Verletzungen, Kritik und Ängste, Widerstände und Rückschläge aushalten müssen, bilden Momente der Gelassenheit in unserem Leben eher die Ausnahme als die Regel.

Ungelassenheit ist jedoch nicht in jeder Situation etwas Negatives. In manchen Situationen ist Ungelassenheit notwendig und Gelassenheit fragwürdig. Die Philosophen der Denkschule der Stoa erhoben die emotionale Unerschütterlichkeit vor 2.300 Jahren zum Lebensideal. Auch heute sind eine stoische Haltung und Resilienz in manchen belastenden Situationen sicher hilfreich. Gelassenheit kann und darf aber nicht dazu führen, einen inneren Panzer aufzubauen, der uns emotional gegen Gewalt, Ungerechtigkeit oder Umweltzerstörung unempfindlich macht. Ungelassenheit darf sogar zum lauten Protest führen, wenn beispielsweise das Recht und der Schutz von Menschen, Tieren oder Pflanzen bedroht und verletzt werden.

In Deutschland haben viele Menschen gegen eine Regierungsbeteiligung der AfD demonstriert und halten ein vermeintlich gelassenes Wegschauen für verantwortungslos. Die berühmten drei Affen (denen man wie den Hamstern wohl unrecht tut), die sich mit ihren Händen Augen, Ohren und Mund zuhalten, wirken vielleicht gelassen, sind es aber bestimmt nicht. Auch religiöse und spirituelle Traditionen sollten nicht dazu beitragen, dass Betende und Meditierende sich emotional über menschliche Probleme und gesellschaftliche Fragen erheben oder diese gar als gottgewollt betrachten und akzeptieren. Die Bibel spricht sogar vom „heiligen Zorn“, der den Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit legitimiert und stärkt. In Politik und Zivilgesellschaft waren und sind Ungelassenheit und Empörung oftmals Auslöser sozialer und politischer Projekte und Aktionen. Spontan denke ich an Fridays for Future oder an die vielen Organisationen, die für eine Verringerung von Lebensmittelverschwendung eintreten.

Gelassenheit als Strategie

Das sogenannte Gelassenheitsgebet wird dem Philosophen Boethius (480–526) sowie den Theologen Friedrich C. Oettinger (1702–1782) und Reinhold Niebuhr (1892–1971) zugeschrieben. In drei Versen wird Gott gebeten, die Gelassenheit zu schenken, die Dinge hinzunehmen, die man nicht ändern kann; den Mut zu verleihen, die Dinge zu ändern, die zu ändern sind; und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Spontan gefiel mir dieses Gebet, auch wenn mich irgendetwas daran störte. Der Groschen fiel bei mir, als ich das Buch Sisyphos von Verena Kast las, das den Mythos des korinthischen Königs unerwartet positiv deutet. Sisyphos musste auf göttlichen Befehl hin einen schweren Stein einen Abhang hinaufrollen, wo der Stein verbleiben sollte. Sisyphos hätte eigentlich verzweifeln müssen, weil der Stein immer wieder hinabrollte. Doch an einem bestimmten Punkt begann er, sich laut darüber zu freuen, so die Psychoanalytikerin. Denn solange der Stein oben blieb, ließen ihn die Götter in Ruhe. Sisyphos hatte sein Schicksal weder gelassen akzeptiert noch mutig zu ändern versucht, sondern sich ein eigenes subversives Ziel gesetzt. (…) Mehr

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