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Eveline Geiser | Neues aus der Forschung

Chronischer Stress verändert unser Gehirn – mit weitreichenden Folgen für Gedächtnis, Konzentration und emotionale Belastbarkeit. Die Neurowissenschaftlerin Eveline Geiser untersucht, was anhaltender Stress im Kopf bewirkt und welche Strategien wirklich helfen, um geistig widerstandsfähiger zu werden.

Text und Interview: Norbert Classen | Illustration: Sveta Zi

Stress ist ein fester Bestandteil unseres Lebens und kann anregend wirken. Wir alle kennen Situationen, in denen wir vor Freude aufgeregt sind, z.B. bei einem neuen Job, den wir als willkommene Herausforderung annehmen, was uns entsprechend motiviert. In diesem Fall geben uns die Stresshormone Cortisol und Adrenalin kurzfristig den nötigen Kick, um unsere Arbeit gut zu machen. Und sie sorgen sogar dafür, dass unsere Sinne geschärft werden und unsere Immunabwehr angekurbelt wird, was uns psychisch und physisch belastbarer macht.

In unserem modernen Leben, das von Multitasking und ständiger Erreichbarkeit geprägt ist, kann Stress jedoch zum häufig wiederkehrenden oder andauernden Zustand werden, also zu chronischem Stress. Lange Arbeitszeiten, hoher Leistungsdruck und mangelnde Anerkennung führen zur Überforderung, besonders in Berufen, in denen eine hohe Verantwortung und ständige Präsenz gefordert sind wie etwa in Pflegeberufen oder in der Pädagogik. Anders als beim gesunden Stress werden die beteiligten Hormone nicht vollständig abgebaut, was auf Dauer zu typischen Stresserkrankungen wie Schlafstörungen, Tinnitus oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen kann. Und auch unser Gehirn ist betroffen, wie neuere Studien zeigen.

Was macht Stress mit unserem Gehirn

„Wir wissen mittlerweile, dass anhaltender Stress das Gedächtnis beeinträchtigt und sogar messbare Veränderungen im Gehirn bewirkt“, erklärt die Neurowissenschaftlerin Eveline Geiser im Interview. Die Folgen sind weitreichend: Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit und emotionale Erschöpfung. „Chronischer Stress führt dazu, dass unser Gehirn in einem permanenten Alarmzustand ist. Das kann auf Dauer dazu führen, dass wir kognitive Ressourcen verlieren, schlechter lernen oder uns schlechter erinnern können“, so Geiser.

Die ersten wissenschaftlichen Hinweise darauf, wie genau sich Dauerstress auf das Gehirn auswirkt, stammen von Bruce McEwen, einem Pionier der Stressforschung. Bereits in den 1960er-Jahren zeigte er in Experimenten, dass Stresshormone oft tiefgreifende Veränderungen in der Hirnstruktur hervorrufen.

Er konnte nachweisen, dass chronischer Stress insbesondere den Hippocampus schrumpfen lässt, eine Hirnregion, die bei der Gedächtnisbildung als eine Art Zwischenspeicher fungiert. In Ruhephasen, etwa im Schlaf, werden Informationen, die vorher von ihm aufgenommen wurden, verfestigt und zur endgültigen Speicherung in andere Hirnregionen weitergeleitet. Die Studien von McEwen führten zu der Erkenntnis, dass wiederholte Stressreaktionen das neuronale Netzwerk im Gehirn verändern und langfristig kognitive Beeinträchtigungen verursachen.

Das ist durch Experimente bestätigt worden. Forscher setzten dazu Mäuse regelmäßig sozialem Stress aus – zum Beispiel durch die Konfrontation mit aggressiveren Artgenossen. Dabei zeigte sich, dass die gestressten Tiere deutlich schlechter in der Lage waren, sich in einem Labyrinth zurechtzufinden oder Futterquellen zu lokalisieren. Bei der Untersuchung der Gehirne der chronisch gestressten Mäuse zeigte sich, dass die Nervenbahnen im Hippocampus weniger stark verzweigt waren, wodurch die Kommunikationsfähigkeit zwischen ihnen und damit auch zwischen verschiedenen Hirnregionen eingeschränkt war.

Stresshormon Cortisol

Der Schlüsselfaktor hinter diesen Veränderungen ist das Stresshormon Cortisol. Es spielt eine zentrale Rolle in der Stressreaktion des Körpers, indem es kurzfristig Energiereserven mobilisiert und die Reaktionsgeschwindigkeit steigert.

Doch wenn der Cortisolspiegel dauerhaft erhöht bleibt, zeigt sich auch beim Menschen, dass der Hippocampus messbar kleiner wird. Zudem kann Cortisol die Neurogenese, also die Neubildung von Nervenzellen, hemmen. Studien zeigen, dass ein chronisch erhöhter Cortisolspiegel mit einem erhöhten Risiko für kognitive Störungen und Erkrankungen wie verschiedenen Formen der Demenz einhergehen. „Cortisol ist eigentlich ein hilfreiches Hormon“, resümiert Eveline Geiser, „aber wenn der Spiegel dauerhaft hoch bleibt, hat das negative Auswirkungen auf die Struktur und Funktion unseres Gehirns.“ (…) Mehr

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