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Christiane Wolf | Im Fluss des Lebens

Alles ist einem ständigen Wandel unterworfen – das Leben, unsere Gefühle und die Welt um uns. Christiane Wolf zeigt, wie wir dieser Unbeständigkeit mit Gleichmut begegnen und unser Herz zugleich offen halten können. Mit klugen Einsichten und praktischen Übungen gibt sie uns Werkzeuge an die Hand, um in einer turbulenten Welt die Balance zwischen Mitgefühl, Weisheit, Aktion und innerer Stärke zu finden.

Text: Christiane Wolf | Foto: Arno Smit

Es ist leicht, gelassen zu sein, wenn die Dinge im eigenen Leben rundlaufen und im Großen und Ganzen auch in der näheren Umgebung. Aber was passiert, wenn wir uns Sorgen machen müssen, dass die Demokratie und eine bisher für selbstverständlich gehaltene Anständigkeit in den sogenannten zivilisierten Gesellschaften vor die Hunde gehen? Wenn Gier, Hass und Verblendung – die der Buddha die drei Geistesgifte genannt hat – weltweit mehr und mehr die Oberhand gewinnen? Und wenn es Menschen, die uns nahestehen, nicht gut geht und auch wir merken, wie der eigene Stresspegel steigt? Dann ist eine aktive Praxis von Gleichmut umso wichtiger.

Bitte nicht verwechseln

Gleichmut wird oft misstrauisch beäugt, weil er leicht mit seiner Schattenseite, der Gleichgültigkeit, verwechselt wird. Im Zustand der Gleichgültigkeit ist uns alles – wie das Wort schon sagt – gleich und damit egal. Gleichgültigkeit ist von Desinteresse geprägt. Sie ist ein entscheidendes Merkmal von Burnout; wir sind zu erschöpft, um uns weiterhin zu begeistern oder zu kümmern. In der buddhistischen Psychologie wird Gleichgültigkeit als der „nahe Feind“ des Gleichmuts bezeichnet, des Zustands, dem er, äußerlich gesehen, stark ähneln kann. Wir könnten Gleichgültigkeit auch als Gleichmuts „Frenemy“ bezeichnen. Ein Frenemy ist eine Neuschöpfung aus Friend and Enemy (Freund und Feind). Ein Frenemy tut so, als wäre er ein Freund, hat aber auch Eigenschaften, die uns schaden.

Gleichgültigkeit hilft tatsächlich, weniger stark zu empfinden oder mitzufühlen, was in überwältigenden Situationen kurzfristig hilfreich sein kann. Sie baut eine Schutzmauer, hinter der ich mich verstecke. Sie bringt oft Gefühlskälte und Zynismus mit sich. Wenn ich z.B. durch eine hässliche Scheidung muss, kann dieser Schutzwall gegen die Gefühle, verletzt und verraten worden zu sein, eine willkommene Erleichterung bringen. Gleichgültigkeit ist ein Traumasymptom, ein Ausdruck der Freeze-Reaktion, in der wir uns innerlich wie erfroren fühlen. In verfestigter Form tritt Gleichgültigkeit oft bei einem Burn-out auf, wenn die betroffene Person jegliches Engagement und Interesse verloren hat. Kann ich z.B. keine Fürsorge mehr für meine Patienten aufbringen, kann mich das zutiefst verunsichern und die Abwärtsspirale, in der ich mich befinde, verstärken.

Wie können wir erkennen, ob wir Gleichmut oder Gleichgültigkeit empfinden? Eine Krankenschwester kam besorgt zu mir, weil sie bemerkt hatte, dass sie ihre Patienten im Kopf nicht mehr so mit nach Hause nahm und ihr die schmerzlichen Geschichten nicht mehr so nahegingen. Steuerte sie auf einen Burn-out zu? War sie zu lange im Beruf ? Sie hatte im Jahr zuvor ihre Meditationspraxis durch Kurse und zwei Schweigeretreats vertieft und mochte ihren Job nach wie vor sehr. Das half uns, die Frage zu klären. Wenn es Gleichgültigkeit ist, fühlen wir die Liebe und Fürsorge nicht mehr, sie sind eingefroren. In unserer Praxis geht es dann darum, unserem Nervensystem zu helfen, wieder „aufzutauen“.

Lebendig in Liebe und Interesse

Empfinden wir Gleichmut, sind wir hingegen mit anderen lebendig in Liebe und Interesse verbunden – aber wir halten nicht mehr so an einem bestimmten Ergebnis fest. Wir fühlen mit, aber wir leiden nicht mehr so mit. Wir wünschen anderen alles Gute und dass ihr Leiden endet. Wir setzen uns auch dafür ein, aber wir erkennen und akzeptieren die Grenzen unserer Möglichkeiten. Stephen Covey, der Autor der 7 Wege-Bücher sagt, dass das Leid und Glück anderer in unserem Fürsorgebereich liege, aber oft außerhalb unseres Einflussbereichs.

Wenn wir begreifen, dass die Handlungen der anderen außerhalb unserer Kontrolle liegen, können wir ihnen weiterhin unsere Liebe und unser Mitgefühl entgegenbringen, empfinden aber keine Ablehnung gegen sie oder uns, weil wir sie nicht glücklich machen oder heilen können. Wir geben uns auch nicht der Illusion hin, dass wir in der Lage sein sollten, die Welt zu retten. Für unseren inneren Zyniker bzw. Gleichgültigkeitsanteil heißt das schnell, dass wir loslassen und gar nichts mehr machen, nach dem Motto „Bringt ja eh nichts!“ oder „Was ich mache, macht ja keinen Unterschied“.

Nkosi Johnson war ein südafrikanischer Junge, der während seiner Geburt von seiner HIV-positiven Mutter infiziert wurde. Er engagierte sich für die Rechte und den Schutz HIV-positiver Mütter und Kinder und starb mit zwölf Jahren an AIDS. Seine Devise war: „Gib dein Bestes an dem Ort, an dem du bist, in der Zeit, die du hast.“ Im Zen wird unsere Aufgabe wie folgt beschrieben: „Du sitzt und du fegst den Garten.“ Das heißt, wir kultivieren unseren „Herzgeist“ mit formeller Übung, und dann bringen wir das offenere Herz, den stilleren Geist zu dem, was zu tun ist. Die Wege im Garten werden täglich gefegt, auch wenn wir wissen, dass sich sofort wieder Laub auf ihnen sammeln wird. Wir tun unseren Teil und tun ihn mit Hingabe. (…) Mehr

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